«Die Schweiz kann Power-to-X-Technologielieferant sein»
Interview mit Dr. Gianfranco Guidati, Stellvertretender Direktor des Energy Science Centers der ETH Zürich und Referent am Power-to-X Congress Switzerland 2026 am 22. September 2026 in Bern.
Sie sind Manager Energy Research am Energy Science Center der ETH Zürich. Welche Schwerpunkte umfasst Ihre Forschungsarbeit?
Ein grosser Teil unserer Forschung findet in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Energie (BFE) statt, konkret im Rahmen des SWEET Programms. Dabei befassen wir uns mit Szenarien, wie die Schweiz das Netto-Null Ziel 2050 erreichen kann. Die Modelle, die dabei zum Einsatz kommen, erlauben uns, Aussagen darüber zu machen, welche Technologie zur Erreichung des Ziels wichtiger oder weniger wichtig ist. Persönlich beschäftige ich mich intensiv mit den Themen Wärmeversorgung, CO₂ Speichertechnologien und der Synthese von chemischen Energieträgern.
Welche Rolle spielt Power-to-X in den wissenschaftlich-technischen Netto-Null-Zukunftsszenarien?
Das entscheidende Element eines Netto-Null Energiesystems ist die Sektorkopplung, also die Elektrifizierung des Wärmebereichs über Wärmepumpen und des Verkehrs über Elektrofahrzeuge. Es bleiben jedoch Bereiche wie der Schwerlastverkehr auf der Langstrecke, der Flug und Schiffsverkehr und bestimmte Bereich der industriellen Prozesswärme, die nur schwer elektrifiziert werden können. Hier spielen Moleküle – chemische Energieträger – auch in Zukunft eine wichtige Rolle. Diese können grundsätzlich auf zwei Arten erzeugt werden, über den Umweg der Biomasse, die auf natürliche Weise Sonnenenergie und CO₂ in chemische Energie umwandelt, oder aber über Power-to-X. Dies bedeutet, dass Strom genutzt wird, um Wasserstoff zu erzeugen, der dann in der Regel mit CO₂ aus der Atmosphäre zu Kohlenwasserstoffen wie Methan oder Kerosin weiterverarbeitet wird. Nur so können langfristig unsere Bedürfnisse insbesondere im Flugverkehr gewährleistet werden.
Welche Prioritäten erkennen Sie bei der Weiterentwicklung von Power-to-X-Kapazitäten, soll Power-to-X in der Schweiz die ihr zugeschriebene Rolle rechtzeitig erfüllen?
Die Schweiz kann und soll eine entscheidende Rolle bei der Forschung, Entwicklung und industriellen Demonstration von Power-to-X Technologien leisten. Dies bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass diese Technologien in grosser Skala genau hier in der Schweiz eingesetzt werden müssen. Andere Orte mit besseren Voraussetzungen für die Stromerzeugung mittels Windkraft und Photovoltaik bieten sich da eher an. Die Schweiz kann hier die Rolle des Technologielieferanten spielen, und durch strategische Partnerschaften den Zugang zu den so erzeugten chemischen Energieträgern sichern.
(Bild: Dr. Gianfranco Guidati)